Aus der Schwetzinger Zeitung von Sybille M. Derr

»Lüften«
Im Wege Stehend V
Projekt in der Schwetzinger Innenstadt 2008

Inszeniert mit dem Charme des Maroden

Das Invalidengässchen hinaufspaziert, grüßen einem schon von weitem die blau-weiß gestreiften Vorhänge der Installation „Lüften“ von Maria Grazia Sacchitelli. Als wolle sich das Rothackersche Haus ein letztes Mal gegen sein Schicksal aufbäumen, winken die Stoffbahnen vor frisch geputzten Fensterscheiben und werfen die Frage auf: Wer wohnt in diesem Haus, in dem man nie jemanden zu Gesicht bekommt, die Fensterscheiben dennoch so sauber wie von Schneewittchens Hand geputzt wirken und sogar neue Vorhänge angebracht wurden?

Die Fantasie beflügeln...

Geht man ein paar Schritte um das Gebäude herum und linst von der Wildemannstraße durch einen Spalt des großen, mit einer Kette verriegelten Eisentors, erkennt man Stoffbahnen, die sich wie vom Winde verweht auf Geäst und Sträucher gelegt haben wie in einem verwunschenen Garten, der schon lange keine zupackende Hand mehr gefühlt hat. Spukt es etwa in dem Rothackerschen Haus? Wer einen Hang für Krimis hat wie die Schwetzinger Agentur „Geschichte hautnah“, könnte seine Fantasie dazu beflügeln, sich einen Mord im Gewölbekeller vorzustellen, der einst dem „Zähringer Löwenbräu“ als Eislager diente. 1770 erstmals dokumentiert war das Haus einst dessen Verwaltungsgebäude.
Natürlich liegt es nahe zu vermuten, soeben seien neue Mieter eingezogen, um das Haus mit Leben zu erfüllen, zumal es einen noch recht frischen Anstrich hat. In Wirklichkeit steht das Haus leer, ist seiner Technik bereits entkernt. Die Stadt ist vor allem darauf bedacht, es verkehrssicher zu erhalten. Bis 2004 war das Rothackersche Haus bewohnt und diente zuletzt Obdachlosen als Unterschlupf. Dann wurde es verrammelt. An den Fenstern zur Wildemannstraße kleben Zeitungsausschnitte und erzählen die Geschichte des Rothackerschen Hauses.

Als „Hilferuf“ verstanden

Die Künstlerin Maria Grazia Sacchitelli hat für ihre Installation „Lüften“ alle übrigen Fenster und Türen im Erdgeschoss noch mit Holzlatten vernagelt, so dass praktisch kein Sauerstoff mehr zirkulieren kann.
„Lüften“ kann als eine Art Hilferuf verstanden werden, die Fenster doch wieder zu öffnen und dem Haus das notwendige Flair wieder zurück zu geben. Außerdem könnte der Beitrag einen Hinweis liefern, die aus kunsthistorischer Sicht wertvolle Fassade mit den Jugendstilfenstern und der Eichentüre mit Jugendstilornamenten auf jeden Fall zu erhalten.
Die Fenster im Invalidengässchen und drei Achsen an der Wildemannstraße besitzen die kostbaren Buntglasfenster mit geschwungenem Steg. Sacchitelli hat die Fenster an beiden Straßenseiten geputzt.

Eigentümlicher Zauber

Einen Hotelneubau hatte man von Seiten der Stadt einmal erwogen, den Plan dann aber wieder verworfen. Noch fehlt die zündende Idee, wie man das Anwesen an dieser städtebaulich höchst attraktiven Stelle wieder nutzen könnte. Sacchitelli inszeniert mit ihrem Beitrag eines scheinbar bewohnten Hauses auch die Themen von Öffentlichkeit und Privatsphäre, die zu übertreten nicht gestattet ist.
Mit der Inszenierung eines „verwunschenen Gartens“ kommt Poesie, ein Stück weit Romantik herein. Von Sacchitellis Installation geht ein eigentümlicher Zauber aus. Die Künstlerin „erzählt“ eine neue Geschichte mit dem Charme des Maroden. Maria Grazia Sacchitelli, die 1959 in der apulischen Hafenstadt Bari das Licht der Welt erblickte, dürften aus ihrer Heimat Beispiele des Verfalls von Wohn- und öffentlichen Gebäuden zur genüge bekannt sein. Apulien, das Land am Stiefelabsatz, gehört zu den ärmsten Regionen Italiens. 1985 kam Sacchitelli nach Deutschland, studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart freie Malerei und stellt seit 1993 regelmäßig vor allem im Stuttgarter Raum aus.