Einführungrede von Vivien Sigmund M.A.

»Hier und dort« Maria Grazia Sacchitelli und Marika Volfová
Gedok Galerie Stuttgart am 05.02.2016

Im Vorwort von Michel Foucaults „Die Ordnung der Dinge“ findet sich ein Klassifikationsschema des Tierreichs, das so eindrucksvoll und im doppelten Wortsinn fantastisch ist, dass ich es Ihnen in seiner ganzen Länge auf keinen Fall vorenthalten möchte. Es ist das Zitat eines Zitats eines Zitats des Dichters Jorge Luis Borges, aber der Ursprung war wohl eine „gewisse chinesische Enzyklopädie“, in der die Tiere folgendermaßen gruppiert wurden: a) Tiere, die dem Kaiser gehören b) einbalsamierte Tiere c) gezähmte d) Milchschweine e) Sirenen f) Fabeltiere g) herrenlose Hunde h) in diese Gruppierung eingehörige i) die sich wie Tolle gebärden k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind l) und so weiter m) die den Wasserkrug zerbrochen haben n) die von weitem wie Fliegen aussehen. Viele von uns – einschließlich Foucault – haben hier die Grenze ihres Denkens erreicht, es ist einfach unmöglich, das zu denken.
Doch bevor uns die Milchschweine und seine ominösen Genossen zu weit weg von dem hier gezeigten führen: Es geht in dieser Ausstellung um Ordnungen, noch etwas mehr um den Weg, der zu ebenjener hinführt und ein bisschen weniger um eine Konfrontation mit dem Fremden. Die beiden hier gezeigten Künstlerinnen Marika Volfová und Maria Grazia Sacchitelli haben sich beide in die zwar nicht übermäßig exotische, aber eben doch andere Fremde begeben: Während die Stuttgarter Künstlerin Maria Grazia Sacchitelli mit einem Stipendium der GEDOK und der Stadt Stuttgart für fast vier Wochen die Hochschule in der tschechischen Partnerstadt Brünn besuchte, hielt sich die tschechische Erasmus-Studentin Marika Volfová für 3 Monate in der GEDOK Stuttgart auf.
Beide Künstlerinnen sind Sammlerinnen. Sammeln führt zu Erkenntnis, zu Weltaneignung und damit irgendwann zu einer Ordnung, einer Klassifikation, einem Schema. Eigentlich. Nicht umsonst schossen in der wissenshungrigen Zeit der Renaissance die Wunderkammern, Herbarien und Bibliotheken wie Pilze aus dem Boden und entwickelten sich weiter zu Museen und Archiven. Angenommen wir stünden hier also in einer Art Archiv, dem Archiv einer Kunstreise, wo ist denn dann bitteschön die Ordnung?
Bei Maria Grazia Sacchitelli ist die Ordnung mit einem ordentlichen Fragezeichen versehen. Ihr Aufenthalt fiel in die Semesterferien, sie war an der Hochschule ganz allein und stieß überall auf die Spuren der abwesenden Studenten. Und so sammelte sie Überbleibsel des künstlerischen Lebens, Aussortiertes, Verworfenes, Dinge, die bedeutungslos waren für jene, die sie benutzten und machte die Abwesenheit zum Projekt. Was genau Kunst eigentlich ist, kann ja bis heute niemand beantworten. Für die meisten ist Kunst so nachvollziehbar wie das Milchschwein neben den Tieren, die dem Kaiser gehören. Es obliegt den Künstlern, den Institutionen, dem Markt das eine Werk als Kunst zu deklarieren und das andere dem Müll zu überantworten. Aus dem hat Maria Grazia Sacchitelli einen Teil ihrer Fundstücke tatsächlich nun herausgefischt. An einem Ort ästhetischer Kunstproduktion sammelte sie eindeutige Nicht-Kunst. Dass diese Nicht-Kunst hier nun versichert und geschrubbt als Kunst an den Wänden einer Galerie hängt, ist mehr als nur ein duchampesker Dreh. Denn es handelt sich um keine Ready-Mades, nichts industriell gefertigtes, das durch den Kunstort zur Kunst erhoben wird, es handelt sich um bewusst als kunstunwürdig erachtete Kunst, die die Künstlerin durch eine Transformation in etwas Kunstwertiges verwandelte.
Bei einer Arbeit sieht man eine Komposition abstrakter Scheibenformationen, Farbflecken, die der Farbe einen ganz eigenen Gestaltungswert zukommen lassen oder man sieht billige Plastiksuppenschüsseln, die als Paletten verwendet wurden. Man sieht labyrinthische, in sich verschlungene Wandobjekte oder man sieht in Streifen geschnittene, alte Plakate. Man sieht Detail-Fotografien von Farbaufträgen, die sich geheimnisvoll in formalen Andeutungen ergeht oder man sieht Studenten, die alles daran setzen, ein wirklich gutes Bild zu malen, dessen Komposition und Inhalt Sacchitelli durch den eng gewählten fotografischen Ausschnitt indes aushebelt. Und so tummeln sich abgepauste fotografische Malvorlagen, Verpackungen von Ölfarben, hoffnungsvolle Bewerbungsmappen, verworfene Plakate, Zeichnungen, Ideen und Materialien an den Wänden der Gedok, zusammengetragen wie einzelne Noten und zu einem neuen Lied umkomponiert, gekrönt von einem in Stücke geschnittenen und in den Raum hinein arrangierten Gemälde eines der wenigen Studenten, den Sacchitelli getroffen hat und um ein ihm völlig misslungenes Bild bitten konnte.
Bei Maria Grazia Sacchitelli sind es Dinge der Bedeutungslosigkeit, die sie unter ihre Fittiche nimmt und deren Klassifikation hinterfragt. Bei Marika Volfová sind es Erfahrungen voller persönlicher Bedeutung, die sie sammelt und von innen nach außen aufs Papier transferiert. Es sind viele Zeichnungen während ihres Aufenthaltes entstanden, häufig ist der Duktus expressiv, die gezeigten Motive wirken, obwohl nur schwer zu entschlüsseln, emotional. Einzelne Szenen setzen sich zu einem großen Film ihres Lebens zusammen, dabei bedient sie sich einer Bildsprache voller archaisch anmutender Symbole und surrealistisch anmutender Szenen. Es sind Transformationen von direkten Erlebnissen in einen Reigen aus Geheimnissen, der für die Künstlerin lesbar, für den Außenstehenden aber verrätselt ist. Manche Szenen zerfließen in Farbe, andere sind stark konturiert und wirken wie in Stein gemeißelt. Es wimmelt von Zwitterwesen, von Traumhaftem und Alptraumhaftem. Die bestehende Ordnung der Realität übersetzt sie in ein Reich der Zeichen, das unser Denken durchweg auf die Probe stellt, den fabelhaften Klassifikationen des Dichters Borges gar nicht so unähnlich: Milchschwein und Sirene geben sich hier die Hand. Um ein Beispiel herauszupicken: Ein häufig wiederkehrendes Motiv in den Zeichnungen von Marika Volfová ist das Feuer. Doch auch wenn es in seiner glühenden Wildheit so wirkt, entfaltet es in den Zeichnungen von Volfová keinerlei zerstörerische oder auch reinigende Kraft. Es ist eher ein Sinnbild für oder eine Verbindung zu ihrer Heimat, die sie mit Lagerfeuern und der dort verbrachten Zeit verbindet. Ein Anker der Beständigkeit und Sehnsucht. Nichts was man so erwarten würde.
Beide Künstlerinnen brechen also in ihren Arbeiten mit unseren althergebrachten Codes der Ordnung. Sie sammeln, ordnen zu und entwickeln ein paralleles System, das das unsere in Frage stellt. Im Grunde öffnen sie einen gedanklichen Raum, in dem Milchschweine Platz finden können neben denen, die den Wasserkrug zerbrochen haben. Hoffen wir nur, dass nie ein Milchschwein einen Krug zerbricht. Das würde ja wieder alles durcheinander bringen.