Text von Vivien Sigmund M.A. 2018

Die künstlerische Arbeitsweise von Maria Grazia Sacchitelli ist an wissenschaftlich
experimentelle Vorgehensweisen angelehnt. Inhaltliche Themen und Fragestellungen
umkreist die Künstlerin mit unterschiedlichen Mitteln und Methoden, zerlegt sie, stellt
sie in Frage, konfrontiert sie mit ihrem Gegenteil, löst sie aus vorgegeben Strukturen
und Sinnzusammenhängen.
Die endgültige Form ist im Werk nicht von vorneherein festgelegt, sondern entsteht
erst innerhalb eines künstlerischen Prozesses.

Viele der Fragestellungen Sacchitellis ergeben sich aus Ambivalenzen.
Dabei gibt es ein paar Themenstellungen, die in ihren Werken immer wiederkehren.
So lotet die Künstlerin das Verhältnis von Kunst und Nichtkunst, Privatheit und Öffentlichkeit, Erscheinung und Sein, Anwesenheit und Abwesenheit und dergestalt auch die Frage nach
einer wie auch immer gearteten Präsenz oder Aura des Kunstwerks aus.

Oftmals ist der Ausgangspunkt für eine künstlerische Arbeit ein Objet trouvé, ein gefundenes
Objekt, das den Prozess hin zur Formfindung und Kunstwerdung in Gang setzt.
Das Material als solches, sein Kontext, seine Verfasstheit und das ihm innewohnende Potential
zur Konstruktion, nimmt dabei einen besonderen Stellwert ein.

Die Fundstücke werden, teils künstlerisch verfremdet, teils als Ready-made, teils als reine
Idee, in Installationen, Aktionen, Zeichnungen, Foto- und Videoarbeiten verarbeitet und
dadurch mit sich selbst, dem System Kunst und der Außenwelt in Beziehung gesetzt.

Das Bekannte, mithin Gewöhnliche, auf jeden Fall aber Gewohnte, beginnt in diesen von der Künstlerin neu geordneten Zusammenhängen zu schillern, es entfaltet in einer ganz und gar ungewöhnlichen Uneindeutigkeit ein erstaunlich poetisches Potential. Die mal subtilen, mal
fröhlich unverfrorenen Verschiebungen der Wirklichkeit kratzen an den Grundfesten einer durchdeklinierten Welt, sie irritieren und befreien erfreulich leichtfüßig das „So-ist-es“ aus
seinem indikativen Rahmen und transformieren es in ein „Das-wäre-möglich“.
Die Welt wird so in den Arbeiten von Maria Grazia Sacchitelli zum Konjunktiv, zur fluktuierenden Möglichkeitenform.