Aus der Einführungrede von Gabriele Beßler

»Präsenz«

Kunstraum Wunderkammer im März 2007

"...Doch schauen wir uns im Hier und Jetzt um: Noch sind wir in der Gegenwart, im Präsenz, wie ja schon der Titel dieser Präsentation suggeriert.
Ein Blick auf Spiegel und Wand aber verdeutlicht, dass die Kontrolle über die Vergangenheit, ja überhaupt über die Tempi durchaus entgleiten kann.
In diesem als Wunderkammer apostrophierten Raum, haben sich Künstler in den vergangenen Monaten kontrovers insbesondere mit der Wahrnehmung und dem Sammlungsgedanken auseinandergesetzt. Es blieben Spuren vielfältiger Annäherungen im Raum: Löcher in den Wänden, Aufhängungen, Kratzer usw. und vor allem Schatten: Schatten von Bildern, die die Wand zierten.
Die gebürtige Italienerin Maria Grazia Sacchitelli, bedient sich für ihre Arbeiten unterschiedlicher Medien, um ausgewählte oder vorgefundene Situationen auszuloten. In diesem Fall hat sie sich dem Grenzbereich von Vergangenheit und Gegenwart mit zeichnerischen Mitteln genähert. Mit Grafitstift und Grafitpulver macht sie sich daran, das uns so vertraute Zeitkontinuum auszuhebeln.
Aus welcher Zeit stammen Schatten und Spuren, was ist "echt" und was ist "Fälschung", d.h., was ist im Laufe des aktuellen künstlerischen Schaffungsprozesses ergänzt worden? Welche Löcher in der Wand sind echt und welche nur gezeichnet? Welche Bilderspuren sind alt und welche neu? Die auf Transparentpapier weitergeführten Variationen der Wandschatten verlagern eben jene zu unteren Sedimentschichten. Es entsteht ein Darunter und Darüber, aber nicht im Sinne von Chaos, sondern gefügt in die Grundformen des Kreises, des Rechtecks und des Quadrats.
Der teilweise erblindete Spiegel (er wurde mit Buttermilch bestrichen), hat mehrere Aussparungen erhalten und bringt nunmehr wieder Portraits ans Licht sowie Details des Aussen- und Innenraums.
In einem kurzen Augenblick begegnet man sich im Spiegelrahmen selbst und mag sich fragen:
"Was sehen meine Augen? Ich sehe mich an, aber sehe ich mein Sein? Weder sehe ich meine Haare grau werden, noch meine Haut faltig werden. Ich sehe also nicht einmal, wie ich mich in der Gegenwart verändere, wie sollte ich da mein eigenes Sein sehen?" wie es der französische Philosoph Georges Didi-Huberman formulierte, ein Spezialist für den geschärften Blick und seine Unzulänglichkeiten. Ich bin und kann es nicht wirklich sehen.
Und doch werden wir uns in diesen kurzen Momenten des aufmerksamen Sehens und Orientierens verorten, unser ganz subjektives Gefühl von Raum und Zeit begreifen wollen.
Trägt nicht eben der künstlerisch gelenkte Blick dazu bei?...".


"WUNDERKAMMERN - Weltmodelle von der Renaissance bis zur Kunst der Gegenwart" von Gabriele Beßler in Reimer Verlag 2012

KunstRaum WUNDERKAMMER/Ausstellungen