Einführungrede von Vivien Sigmund M.A.

»flux«
Städtische Galerie Filderstadt am 07.07.2013

Was genau ist eigentlich Malerei? Diese Frage lässt wohl erst einmal jeden zusammenzucken. Denn was auf diese Frage gerne folgt, sind Unmengen unvereinbarer Theorien, Meinungen und Moden. Wikipedia macht es sich da leicht und sagt: „Malerei ist das Festhalten von Gedanken des Malers; dies geschieht im Gegensatz zur Zeichnung durch das Aufbringen von feuchten Farben mittels Pinsel, Spachtel oder anderer Werkzeuge auf einen Malgrund.“ Nun, wir werden sehen. Lange Zeit war die Malerei ohnehin beinahe synonym zu sehen mit einem Abbilden der Natur. Doch werfen wir einen Blick auf die Geburtsstunde der Abstraktion. Einer ihrer Pioniere, der eng mit Stuttgart verwobene Adolf Hölzel, hat die künstlerischen Mittel, also Farbe, Form und Bildformat, rigoros vom abgebildeten Gegenstand getrennt und definierte revolutionär das Bild „als eine Welt für sich“.

Die Farbe also wurde um kurz nach 1900 aus ihrem sklavischen Dasein befreit. Nach 1945 – und hier sei als Beispiel der mediale Überflieger und abstrakte Expressionist Jackson Pollock mit seinen Drip Paintings genannt – verwachsen Farbe und Leinwand zu einem Objekt. Das Bild wird Ding und die Natur ist in soweit involviert, als dass der Künstler als genuiner Schöpfer des Werks Teil der Natur ist. Vor allem bei Pollock wird der Schaffensprozess als Direktverbindung zwischen Unbewusstem und bildnerischem Ausdruck postuliert. Diese persönliche Komponente bricht die Künstlerin Lynda Benglis in den 60er Jahren auf. Indem sie Latexfarbe direkt aus dem Eimer auf den Bildträger leert, sinkt ihre Einflussnahme und die direkte Auseinandersetzung mit dem Bildwerk wird wichtiger als der Prozess. Und es dauert nicht lange, da schüttete sie flüssiges Plastik direkt auf den Boden. Von hier können wir endlich eine direkte Linie zu den Arbeiten von Maria Grazia Sacchitelli ziehen.

Maria Grazia Sacchitelli ist eine Künstlerin, die projektbezogen arbeitet. Sie findet erst ihr Thema und sucht dann nach den Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks. So ist ihr Werk formal durchsetzt von Installationen, Fotomontagen, Videos und Interventionen, doch den so unterschiedlichen Arbeiten liegt unsichtbar eine wenn auch nicht gleiche, so doch artverwandte Fragestellung zugrunde. Es geht Sacchitelli im weitesten Sinne um innere Prozesse, um die abstrakte Ambivalenz von – in Ermangelung eines treffenderen Wortes – Gefühlszuständen und Konventionen.

Eine Auswahl ihrer neusten Arbeiten ist nun hier in der Ausstellung versammelt. Confluence heißen die mehrfarbigen Arbeiten, in denen der Fluss der Farben selbst zum Bild wird. Hier löst die Künstlerin die Farbe gänzlich von ihrem Träger. Was wir sehen ist reine Farbe, extrahiertes Material, pure Sinnlichkeit. Keine Leinwand liegt der Farbe zugrunde. Die Unmittelbarkeit von Farbe wollte dir Künstlerin erfassen, die sich seit dem Studium nicht mehr mit Malerei beschäftigt hat. Sie suchte und sie fand eine latexbasierte Gießfarbe aus dem Theaterbedarf, die erst flüssig, sich schließlich weich gummiartig verhärtet und als autonomer Farbklecks zur Form wird, zum Farbkörper.

Das ist ebenso sinnlich wie konzeptuell. Hölzel hätte seine Freude an der Bildhoheit der Farbe. Und Pollock würde staunen über die permanente Oszillation dieser Farbkörper zwischen Bild und Objekt. Indes sind es bei Sacchitelli vor allem die bildimmanenten Verhältnisse, die sie interessieren. Wie viel Konzeptualität, wie viel Expressivität passen gleichzeitig in ein und dasselbe Bild? Nähert sich der Betrachter besser fühlend oder denkend? Und ist nun der Gestaltungswille der Künstlerin dominanter oder der des Materials?

Denn die Wirkung ist nicht nur Farbzusammenfluss, sie ist zugleich geronnene Bewegung. Fast wie ein passives Action-Painting breitet sich der Farbverlauf nachvollziehbar vor uns aus, doch die Aktion der Künstlerin bleibt, anders als bei Pollock, eine vage Frage, frei nach dem Motto Ernst Barlachs: „Die große Freiheit des Künstlers ist, dass er keine hat, versteh´s, wer kann“. Das Bildwerk erscheint daher beinahe wie ein Äquivalent der Natur, deren Bewohner sich im künstlerischen Biotop ein Stück evolutionären Freiraum erkämpfen.
Ähnlich selbstbewusst wie gegen sich selbst und den Willen der Künstlerin behauptet sich die Farbe auch gegenüber jenen vereinzelten Alltagsobjekten, mit denen sie in „Confluence related“ konfrontiert wird. Die Farbe erscheint auch hier als gleichberechtigte Form.

Doch zurück zur Evolution: Mit Licht fing alles an, die Welt wie die Kunst. Als Gründungsmythos der Malerei wird von Plinius die Geschichte der Tochter des Töpfers Dibutades überliefert, die versucht, das Bildnis ihres Geliebten nach einer Schattenzeichnung festzuhalten, bevor dieser in den Krieg zieht. Mit der dieser Ausstellung den Titel gebenden Serie Flux kommen nun auch wir beim Licht an.

Denn die Arbeiten der Serie Flux, wie sie sehen, beherbergen nicht das Ineinanderfließen mehrerer Farben, sie bestehen aus nur einer einzigen Farbe. Der Schwerpunkt des Betrachtens wird vom Kuriosum, dass hier nichts als Farbe an der Wand hängt, abgelenkt und hingeleitet zur Materialität dieser Farbe. Hauchzart und stofflich wie Tücher wirken diese Arbeiten und offenbaren dabei eine beinahe überweltliche Transparenz. Je nach Einfall des Lichts verändern sie sich, erscheinen mal massiver, mal leichter, mal wie selbst mit reinem Licht gemalt. Und was ist Farbe anderes als ein subjektiver Sinnenreiz, der durch Licht in verschiedenen Wellenlängen hervorgerufen wird?

Hier wird unsere Wahrnehmung auf die Probe gestellt und unser Gefühl für das Paradoxe. Denn die Arbeiten sind Licht und Material zugleich. Sie legen sich in einen wunderschönen Faltenwurf, offenbaren sanft eine eigene Struktur oder den vagen Duktus der Künstlerin, die das Latexgemisch stellenweise mit dem Pinsel verstrichen hat, so dass Handschrift und Material in eins fließen. Es gibt Schichten zu erkunden, Verdickungen, Randstrukturen wie Küstenlinien, Oberflächen wie Haut. Beinahe wie lebendige Organismen schmiegen sich die einzelnen Werkstücke hier an die Wände, agieren mit den räumlichen Gegebenheiten, aber es würde einen nicht wundern, wenn sie nach dem nächsten Blinzeln ganz woanders wieder auftauchen würden.
Was also ist Malerei? Wenn Wikipedia die Grenze ist mit der Definition von Bildträger und Pinsel, dann ist die Malerei längst über die Ufer getreten, suchend nach Möglichkeiten, fragend nach der eigenen Beschaffenheit, quecksilbrig im Fluss. Viel zu beweglich für die eigene Definition.