Aus der Einführungrede von Marcus Kettel

»Spotlight 2«
Kunstbezirk Stuttgart im März 2013

"Maria Grazia Sacchitelli studierte von 1980 bis 1983 Literatur und Kunstgeschichte an der Universität Mailand und von 1985 bis 1991 Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Seit dieser Zeit, ist sie als Freischaffende Künstlerin tätig, hatte etliche Einzelausstellungen und nahm an vielen Gruppenausstellungen teil.
Zentrales Thema ihrer künstlerischen Arbeit ist sowohl die Auseinandersetzung mit den gewohnten Standards der klassischen Produktion in der Bildenden Kunst, deren Grenzen sie auslotet und in ihren arbeiten stets erweitert, als auch die Untersuchung der Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung, wobei sie die Ambivalenzen und Paradoxien unserer gewohnten Raster und Koordinaten besonders interessieren.
Mit ihrem speziellen Einsatz der künstlerischen Mitteln hat sie diese des Öfteren aus den Angeln gehoben und anschließend in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt, um uns tiefere Einblicke in bestehende Zusammenhänge zu ermöglichen.
Dabei bewegt sie sich, abgestimmt auf das Themengebiet in dem sie gerade forscht, in den unterschiedlichsten Medien Zeichnung, Installation, Intervention, Plastik, Video, Fotografie.
Gewohnheiten und Konventionen werden durch sie in poetischer Art und Weise in Frage gestellt, wobei sie hier einige Arbeiten aus ihrem offen angelegten Projekt mit dem Titel “Confluence ” aus den Jahren 2012 und 2013 zeigt.

Maria Grazia Sacchitelli ist eine “Tiefenforscherin der Farbe”, denn sie erweitert ihren Erkenntnisdrang über den gewöhnlichen Gebrauch hinaus in die Materialität hinein. Im Laufe dieser intensiven Auseinandersetzung, kristallisierte sich für Sie die zentrale Frage heraus wie sich Farbe als Material verselbständigen könne und auch ohne Träger in Erscheinung treten kann.
In den hier gezeigten Arbeiten macht sie somit die reinen Farben zu autonomen Bildobjekten, indem Sie die Bedeutung der Leinwand als Bildträger relativiert, was auch Maler wie Jackson Pollock, Luigi Fontana oder aus der jüngeren Generartion Marcaccio, faszinierte.
Nach vielen eigenen Experimenten fand sie –inspiriert auch durch die Arbeiten von Lynda Benglis - eine latexbasierte Giessmasse, die nach dem Mischen mit Farbe noch elastisch bleibt.
So begegnet der Künstlerin bei diesen Arbeiten die Viskositäts- Eigenschaft des Materials, was durch unterschiedlich stark eingefärbte und ineinanderfließende Schichten zu neuen Farbüberlagerungen mit Gewinn an Plastizität, führte.
Dieses, durch die Künstlerin selbst erschaffene Phänomen einer zusätzlichen Dimension in der räumlichen Ausdehnungsmöglichkeit von Farbe, führte bei Maria Grazia Sacchitelli im Laufe ihres Schaffens vom Interesse an der grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Bildraum hin zur Auseinandersetzung mit dem physischen Raum an sich!
Wie Sie es hier vorne in den Arbeiten dargestellt sehen, ist es das ewige Spiel zwischen den Kräften, das Ausbalancieren des momentanen Gleichgewichts mittels Hängung, Faltung, Bespannung, Beschneidung, Verwicklung, Überlappung, Schichtung und deren Neuverbindung durch Klammern und Nadeln; das Ausloten zwischen Bestimmung und Zufall, zwischen Farbe und Raum, was die Künstlerin fasziniert und was sie uns auf beeindruckende Art und Weise mit der Serie “Confluence related” veranschaulicht (was soviel bedeutet wie das Verhältnis von Zusammenfliessen und Zusammenhängen neu auszutarieren).
Durch die zusätzliche Verwendung von Alltagsgegenständen und Bauelementen, hebt sie diesen besonders deutlich hervor, wobei Aspekte wie “Bewegung, Balance und Spannung” dabei in den Vordergrund treten.
Ganz wichtig ist für die Künstlerin, dass die Beziehung der Elemente untereinander während der gesamten Ausstellungsdauer den Anschein haben, veränderlich zu bleiben.
Mit dieser wunderbaren Verschmelzung von Farbe und Form, von Inhalt und Abbildungsebene, eröffnet Sie uns sowohl konzeptuell, als auch äußerst sinnlich neuen Erkenntnisraum, um über unsere geltenden Kunst-Standards neu nachdenken zu können".